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Autonomie und Automatisierung im Gesundheitsbereich

Wo es um Automatisierung geht, ist die Angst vor dem Verlust der menschlichen Handlungsmacht gross. Es stellt sich die Frage, was dem Menschen noch zu tun übrigbleibt, wenn es ein Programm oder einen Roboter gibt, der alles besser kann als der Mensch. Die Maschine, die den Menschen übertrifft, übernimmt in einem solchen Szenario die Entscheidungsmacht. Was bedeutet dies für die Autonomie des Menschen?

Ein Gebiet, in dem die Autonomie von Menschen schon lange vor der Digitalisierung ausgehandelt wurde, ist der Gesundheitsbereich. Hier stellen sich Fragen z. B. hinsichtlich der Zurechnungsfähigkeit von Patientinnen und Patienten. Was kann ein/e Patient/in, was sollte der Arzt oder die Ärztin entscheiden und in welchen Fällen darf sogar gegen den Willen des Patienten oder der Patientin gehandelt werden?

Digitalisierte Gesundheit

Nun fallen mit der Digitalisierung im Gesundheitsbereich beide Felder zusammen. Leicht lässt sich hieraus ein Worst-Case-Szenario konstruieren: Privat geführte Gesundheitsdatenbanken berechnen aufgrund einer Bandbreite von Informationen - über unsere genetische Information bis hin zu Ernährungsvorlieben - das Risiko für jede Erkrankung. Daraufhin müssen wir unser Verhalten präventiv anpassen, um unsere Gesundheit entsprechend unserer personalisierten Gesundheitsprognose zu optimieren. In einem futuristischen Szenario ist es zugleich denkbar, dass wir uns im Krankheitsfall einem Medizinroboter gegenüber wiederfinden, der Medikamente verschreibt und operiert. Diese Beispiele sind natürlich zugespitzt, jedoch zeigen auch bestehende Projekte aus dem Sektor in diese Richtung, wie Beispiele aus der Schweiz zeigen (vgl. Healthbanks, Da Vinci Operationsroboter z.B. in Aarau und Baden oder der Care-O-Bot)

Autonom durch Technologie

Zugleich gibt es Bestrebungen, die neuen Technologien zu nutzen, um die Patientinnen und Patienten mehr in den Mittelpunkt zu rücken und ihre Handlungsfähigkeit auch im Zeitalter der Digitalisierung zu bewahren. Ein Schweizer Startup, das einen Rollstuhl entwickelt hat, der selbständig balancierend fahren und Treppensteigen kann, ist hierfür ein Beispiel. Obwohl der Rollstuhl im Moment noch stark vom User bedient wird, soll er bald autonom fahren. Zwar gibt der User die Richtung vor. Gewichtsausgleich, Neigungswinkel und Antrieb werden dann aber automatisch vom Rollstuhl an die Kontextbedingungen angepasst, um dem User freie Bewegung in allen Umgebungen zu ermöglichen. Ein zweites Beispiel knüpft an die Kernfrage nach den Gesundheitsdaten an. Mithilfe einer automatisierten Schweissanalyse will ein weiteres Startup gewisse individuelle Grenzwerte ermitteln und den User beim Überschreiten dieser warnen. Das Produkt ist für den Gesundheitsbereich in der Vorsorge oder der Betreuung chronisch Kranker interessant. Auch hier steht der Patient oder die Patientin im Mittelpunkt, deren Autonomie mithilfe eines grösseren Wissens über den eigenen körperlichen Zustand gefördert werden soll, ohne mühsame und häufige Arztbesuche.

Beim Rollstuhl, der ähnlich einem sich autonom bewegenden Roboter funktioniert, ist die Erweiterung des Handlungsspielraums für den Nutzenden klar: Für ihn/sie sind nun Hindernisse überwindbar und Räume zugänglich. Bei einem tragbaren, Daten messenden und verarbeitenden Patch ist die Autonomie nur dann gegeben, wenn der User über die eigenen Daten verfügen kann. Zugleich kann man auch die philosophische Frage stellen, ob durch mehr Selbstwissen mehr Autonomie gewonnen oder eher Selbstzwängen der Weg geebnet wird

Ethik im Design

Bereits beim Design von Produkten werden Entscheidungen getroffen, die gewisse Handlungsoptionen vorgeben. Deutlich wird dies am Beispiel einer Waffe, die vor der Nutzung erst entsichert werden muss - die Sicherung ist nicht notwendig für die Funktion der Waffe, sondern resultiert aus dem Wunsch, Schusswaffen möglichst sicher zu designen. Diese Entscheidung im Designprozess schränkt den User ein Stück weit ein, allerdings aus einem guten Grund: dem gemeinsamen Wert der Sicherheit. Wie sieht es mit den Designprozessen bei den beiden genannten Startups aus? Bei den Rollstuhlfabrikanten herrscht diesbezüglich Sensibilität vor. Bereits beim Designprozess wird eng mit möglichen Usern gearbeitet. Gleichzeitig sind sich die Entwicklerinnen und Entwickler bewusst, dass der Rollstuhl dort Autonomie ermöglicht, wo sie an anderer Stelle im Designprozess, - z.B. in der Planung eines Gebäudes - zuallererst vergessen wurde. Bei den Produzentinnen und Produzenten des Patches ist man ebenfalls wachsam, was die Gesundheitsdaten betrifft, sodass die Zugriffsrechte auf die Daten user-zentriert sind. Die Prämisse allerdings, dass mehr Information besser für die Autonomie ist, wird ungefragt angenommen.

Die Frage nach der Autonomie im Gesundheitssystem stellt sich also sowohl auf der Ebene der Nutzung eines Produkts als auch auf der Ebene des Designprozesses. Die beiden Beispiele haben gezeigt, dass die Frage nach der Autonomie des Menschen vielschichtig ist und auch im Prozess der Digitalisierung des Gesundheitswesens so adressiert wird. Die starke Konzentration auf den User in beiden Beispielen hebt hervor, dass zuallererst der Mensch als Datensubjekt und nicht als Daten- oder Testobjekt im Mittelpunkt stehen sollte.

 

Vertiefte Auseinandersetzungen mit dem Wert der Autonomie in der Medizin finden sich in unseren Case Studies #04 und #11.