robot.jpg

pexels.com

Ethische Robotik - Hochschule vs. Startups / Unternehmen

Wer seinen Labormantel gegen Businesskleider eintauscht, sieht sich oftmals mit ganz neuen Herausforderungen konfrontiert. Der Wechsel von der universitären Forschung in die Privatwirtschaft geht einher mit einer radikalen Veränderung der Rahmenbedingungen und ihrer jeweiligen Sachzwänge. So auch in der Robotik. Gastbeitrag vom roboethics.ch.*

Während sich die robotische Forschung an Universitäten der technologischen Problemlösung in erster Linie als einem Erkenntnisziel verpflichtet und ihre Arbeit daran bemisst, so geht es in einem Robotik Startup oder Unternehmen um das Ziel, ein vermarktungsfähiges Produkt zu entwickeln. Diese unterschiedlichen Ausgangslagen führen auch zu unterschiedlichen ethischen Problemstellungen.

Herausforderungen an Hochschulen

In universitären Forschungsprojekten wird an sehr spezifischen, technologischen Aufgabenstellungen gearbeitet und das Endprodukt besteht zumeist aus einem Prototyp. Die ethischen Folgen der eigenen Handlungen liegen nicht auf der Hand: Wer beispielsweise an einem Algorithmus zur “Asynchronous Corner Detection” forscht, weiss noch nichts Eindeutiges über die späteren kommerziellen Anwendungsfelder und damit über die potentiellen gesellschaftlichen Folgen der eigenen Entwicklung.

An den Hochschulen ist damit nicht nur die Forschung abstrakt, auch die ethischen Herausforderungen sind es.

Gleichzeitig wird an der Hochschule mit Initiativen wie beispielsweise dem Science in Perspectives Programm an der ETH Raum für (ethische) Reflexion über die eigene Arbeit gefördert und ethische Ansprüche sind bereits institutionell in Form von Ethik-Kommissionen verankert.

Ethik im Unternehmen

Für ein Tech-Unternehmen steht ein konkretes Produkt im Vordergrund, das in absehbarer Zukunft vermarktet werden soll. Hier ist die ethische Dimension und damit auch die mögliche Einflussnahme konkreter, weil das Produkt bereits in Hinsicht auf seine Kommerzialisierung und gesellschaftliche Einbettung entwickelt wird: Auf welchen Märkten das neue Produkt angeboten werden soll, wie Produktsicherheit und Rentabilität gegeneinander abgewogen oder wie unerwünschte Nebenfolgen des Produktes vermieden werden sollen – solche ethischen Fragen können potentiell durch das Unternehmen und dessen Mitarbeiter/-innen aufgeworfen und auch beantwortet werden. Gleichzeitig verhindern oftmals ökonomische Sachzwänge oder die Unternehmenskultur eine vertiefte Auseinandersetzung mit den ethischen Problemen und Herausforderungen der eigenen Arbeit. In einem Unternehmen finden sich manche Hochschulabgänger/-innen daher in Arbeitssituationen wieder, die gegenüber ihrer vorherigen Rolle als Forschende wenig Platz lässt für Selbstreflexion oder proaktive Übernahme von ethischer Verantwortung in der Produktentwicklung.

Ethik als Pluspunkt bei der Jobsuche

In beiden Situationen ist die erlebte Herausforderung allerdings die gleiche: Wie bringt man seine ethischen Überzeugungen in Einklang mit seinen Handlungen? In unseren Gesprächen mit Doktorierenden und jungen Hochschulabgänger/-innen aus der Robotik wurde diese ethische Grundsatzfrage immer wieder eingebracht. Der Wille zur ethischen Reflexion über die eigene Arbeit spiegelte sich auch in den Überlegungen zur Wahl des Arbeitgebenden wider. So war die Entscheidung, ein eigenes Startup zu gründen oder für ein Startup tätig zu sein, meist auch davon getrieben, im doppelten Sinne ethisch wirksam zu sein: Erstens, indem man die abstrakte Forschung zugunsten konkreter Produktentwicklung verlässt; also etwas kreiert, was unmittelbar einen Einfluss auf die Gesellschaft haben kann. Zweitens aber auch in dem Sinne, dass man im eigenen Unternehmen selbst die Kontrolle darüber hat, wie man sein Produkt gestaltet – und damit auch über die ethische Dimension des Designs. Ob es um die Entwicklung eines Rollstuhles geht, der durch den Einsatz neuer Technologie mehr Autonomie versprich oder um den Einsatz von Drohnen zur Unterstützung von Rettungsaktionen – die Produktentwicklung vieler Startups ist getrieben von dem Wunsch, die Gesellschaft zu verbessern.

Die Gespräche mit Mitarbeitenden von Startups haben gezeigt, dass das schon während der universitären Ausbildung entstandene ethische Problembewusstsein auch mit dem Wechsel in die Privatwirtschaft weiterhin wichtig bleibt. Robotiker/-innen wollen nicht nur selbst ethische Verantwortung übernehmen, sondern verlangen dies auch von den Unternehmen, für die sie arbeiten. Bei allen ökonomischen Sachzwängen ist dies ein auch ökonomisch relevantes Argument für die Etablierung von ethischer Selbstverantwortung in einem Unternehmen: Wer die besten Köpfe für sich gewinnen will, muss vor allem folgendes bieten können: Eine Kultur ethischer Verantwortungsübernahme im Unternehmen in Form von Prozessen und Strukturen, die dies erlauben.

*roboethics.ch ist ein Think Tank, der von Studierenden des Masterstudiengangs Geschichte und Philosophie des Wissens an der ETH Zürich initiiert wurde.